Das Museums-Pivot oder: Eine Unterhaltung mit Seb Chan

In der Warteschlange an der Garderobe vor dem Abendempfang des Van Gogh Museums für die Museum Next’s hatte ich Gelegenheit, mit Seb Chan zu sprechen, der zuvor eine höchst anregende Keynote zu den Herausforderungen und seiner Arbeit beim Smithsonian’s Cooper Hewitt National Design Museum gehalten hatte.

Hier beschrieb Seb Chang die Vorgehensweisen am Museum um Einschränkungen wie geringer Personaldecke, Restaurierung des Gebäudes, eingeschränkter Affinität für die Digitale und der Herausforderung, das Museum für die sich anbahnenden sozialen, pädagogisch-didaktischen und wirtschaftlichen Änderungen zu begegnen.

Unter anderem bedient man sich am Cooper Hewitt folgender Ansätze:

  • Eine Kultur des Lernens und der Mitarbeiterförderung und des Wissens etablieren.
  • Beschleunigung der Produktion.
  • Prototypen als Endprodukt verwenden, minimal funktionsfähige Prototypen verwenden, um Produkte zu testen.
  • “Promiskuitive” Zusammenarbeit – im Sinne exzessiver Interdisziplinarität und räumlicher Zusammenarbeit.
  • Mitarbeiter fördern, eigene Experimente zu wagen.
  • Always keep the long term change in focus.

Seb Chans Team erzielte mit diesen Ansätzen beachtliche Erfolge – gleichzeitig scheinen dort alle Beteiligten viel Spaß und Inspiration zu haben. Schon während der Keynote erschien es mir ganz offensichtlich, dass viele verwendete Vorgehensweisen denen vom Lean Startup glichen.

Deshalb fragte ich Seb Chan persönlich, ob er Eric Ries Lean Startup kenne, erläuterte, meiner Meinung nach könne man Lean Startup sehr gut auch im musealen/kulturellen Umfeld verwenden und frage ihn, was er davon halte.

Tatsächlich kannte Seb Chan die Lean-Startup-Methodik sehr gut. Er sieht auch parallelen in einzelnen Ansätzen, führte aber aus, das beim Lean Startup nun einmal ein tragfähiges Geschäftsmodell im Fokus stünde. Dies solle und könne nicht für ein Museum gelten. Vor allem könne man nicht einfach eine Kurskorrektur (Pivot) vornehmen und das gesamte “Geschäftsmodell” des Museums umkrempeln.

Deshalb bezweifle er eher, Lean Startup lasse sich einfach in einem Museum verwenden.

Obwohl wir die Bedenken Seb Chans teile, das gesamte “Geschäftsmodell” eines Museums (im Sinne des eigentlichen Museumsauftrags, z.B. abgeleitet aus dem Stiftungszweck) lasse sich einfach ändern, wollen wir mit den Begriffen des Lean Startups differenzieren:

Kurskorrekturen (Pivots) werden hier nicht auf der Ebene der “Vision” erfolgen (wo unserer Meinung nach der Stiftungszweck/Museumsauftrag zu lokalisieren sind), was anhand der Graphik aus dem Eric Ries Buch verdeutlich werden soll:

lean_startup_pyramide
Die Lean-Startup-Pyramide © Eric Ries

Falls daher die “Vision” des Museums (in der Begrifflichkeit der Lean-Startup-Methodik) nicht lautet, ein “blühendes und weltveränderndes Unternehmen” zu gründen, sondern z.B. “das öffentliche Verständnis für Design über die 240 Jahre menschlicher Kreativität zu fördern, die durch die Museumssammlung repräsentiert werden”  (dazu hier), dann lassen sich hieraus Strategien ableiten, Hypothesen aufstellen, validieren und alle anderen Tätigkeiten umsetzen, die erforderlich sind, um die Vision umzusetzen.

Das war die Geburtsstunde des Lean Museum Startup :-)

Lean *Museum* Startup

Auf der höchst anregenden MuseumNext 2013 (siehe auch Tumblr) teilten viele Sprecher/innen aus Museen und anderen kulturellen Institutionen, überwiegend Verantwortliche aus den Bereichen Digitale Strategie/Inhalte oder Museumspädagogik, ihre Visionen für die Zukunft ihrer Einrichtungen.

Ganz offensichtlich war, dass es hier nicht ausschließlich um rein digitale Themen ging. In den meisten Fällen ging es darum, Besucher/innen dazu zu bewegen, etwas mit den Museumsinhalten anzustellen, Menschen aktiv werden zu lassen, sie zu inspirieren, Erfahrungen und Erleuchtungen aus dem Museum in ihr eigenes Leben zu ziehen.

IT und digitale Medien wurden dabei als Werkzeuge neben anderen betrachtet. Digitalisierung hilft lediglich dabei, die Ziele zu erreichen. Vorbei die Zeiten, als eine Museumswebseite einem Unternehmensportal gleichen sollte, mit der Ausnahme, dass hier kulturelle Angebote beworben wurden. Vorbei die Zeiten, als die Museumsleitung denken konnte, die digitale Strategie als Bestandteil der Vision für das 21.e Jahrhundert könne darin bestehen, eine Museums-App in einen Appstore zu veröffentlichen.

Beim Analysieren der anstehenden Herausforderungen und der präsentierten Konferenzergebnissepresented, schien es mir, dass sich Museen und andere kulturelle Institutionen sich wie ein Startup verhalten, wenn es darum geht, Projekte für das 21.e Jahrhundert aufzusetzen oder gar die Museumsstrategie zu transformieren.

Als begeisterter Adept von Eric Ries’ Lean Startup-Methodik, war ich unmittelbar überzeugt, dass diese Methodik sämtlichen Arten von Institutionen, auch nicht profitorientieren,  helfen kann, ihre Ziele zu erreichen.

Hier beginnt unsere Reise…